Patchworkfamilie: Probleme und Vorteile

Die Mutter einer Patchworkfamilie gibt Tipps

27. Oktober 2016

Vor vier Jahren lernt Martina F. (38) ihren Freund Dirk (39) kennen. Beide haben schon Kinder. Uns erzählt sie, wie die Zusammenführung zu einer Patchworkfamilie geklappt hat

Als Mutter noch einmal jemanden kennenlernen? Das hatte ich mir gleich nach der Scheidung von meinem Mann Rolf abgeschminkt. Ich wollte nur noch an mich und meine Tochter Lilli denken. Bis zu dem Tag, als ich Dirk kennenlernte… Wir sind uns im Fitness-Studio begegnet, wo ich am Empfang arbeitete. Und es funkte sofort. Aber ich bekam gleichzeitig direkt Angst, denn ich hatte ja bereits eine Tochter und war geschieden. Was, wenn ihn das abschreckte? Als Dirk und ich uns bei unserem ersten Date im Restaurant gegen- übersaßen, überlegte ich: Sollte ich jetzt schon sagen, dass ich „Altlasten“ hatte? Oder erstmal abwarten? Während es in meinem Kopf hin und herging, sagte Dirk ganz normal: „Ich habe übrigens zwei Töchter, sie leben bei mir, seitdem ich geschieden bin. Hast du auch Kinder?“ 

Was ist mit den Kindern?

Das Eis war gebrochen – und mir fiel ein Stein vom Herzen. Wir verstanden uns großartig und wurden schnell ein Paar… Bald waren wir neugierig auf die Wohnung des anderen. Doch was war mit den Kindern? Ich hatte Lilli noch nichts von Dirk gesagt. Ich wollte abwarten, wie fest es mit uns beiden wurde. Dirk war da ganz anders: „Daniela und Lara wissen schon Bescheid. Wir reden immer offen über alles“, sagte er. Woher nahm er diese Sicherheit? Es war doch auch seine erste Scheidung. Ich musste dringend etwas ändern. Am selben Abend sprach ich mit Lilli. Leider nahm sie die Nachricht nicht gut auf. „Nur weil Papa nichts mehr von uns wissen will, heißt das doch nicht, dass du gleich einen Neuen haben musst“, sagte sie traurig. Dass ihr Vater uns von heute auf morgen für eine andere Frau verlassen hatte, ohne sich je wieder bei Lilli zu melden, hatte sie natürlich zutiefst verletzt. Sie brauchte eben noch mehr Zeit, um mit diesem Schmerz klar zu kommen.

Ein schwieriges erstes Treffen

„Setz’ sie nicht unter Druck. Sie soll mich kennenlernen, wenn sie dazu bereit ist“, sagte Dirk am nächsten Tag. „Und bis dahin kannst du ja schon mal meine Töchter kennenlernen und meine Wohnung inspizieren.“ Eine Woche später stellte er mich dann Daniela und Lara vor. Die beiden empfingen mich sehr nett. Als ich Lilli davon erzählte, passte ihr das aber nicht: „Jetzt verbringst du mit ihm und seinen Kindern Zeit, statt mit mir“, warf sie mir vor. „Ich will die jetzt auch kennenlernen“, schob sie noch trotzig hinterher. So organisierte ich in der nächsten Woche ein Treffen, das erste unserer neuen Patchworkfamilie. Die erste Stunde war schwierig, da Lilli jeden Gesprächsversuch von Dirk abblockte. Doch irgendwann taute sie auf. Und am Ende gingen die drei Mädels zusammen draußen spielen. Dirk und ich sahen uns an und dachten dasselbe: Uff, das war harte Arbeit. Und es begann gerade erst.

Der eine sagt „Hü!“, der andere „Hott!“

Denn wir wünschten uns ja, irgendwann auch zusammenzuleben. Nach einem halben Jahr fragte ich Lilli, was sie davon halten würde. Zu meinem Erstaunen war sie einverstanden. Doch nach dem Umzug fingen die Probleme an: Ständig war eines der Mädchen eifersüchtig. Lilli besonders oft, da sie ja allein gegen zwei Geschwister da stand. Es gab dauernd Konflikte: Was Dirk Lara erlaubte, hatte ich Lilli unwissend zur gleichen Zeit verboten. Sogar Kleinigkeiten wie das Pausenbrot wurden zum Problem: Dirk gab seinen Mädchen immer Weißbrot mit zur Schule. Bei uns gab es Vollkornbrot. Klar, dass Lilli jetzt auch lieber Weißbrot wollte. So ging es ständig. 

Außerdem gab es, seit wir zusammenwohnten, auch immer wieder Probleme mit Dirks Frau: Jedes Wochenende wollte sie etwas mit Lara und Daniela unternehmen. Und nicht nur das: Dirk sollte dabei sein. „Für die Mädchen“, sagte sie. Doch ich wusste natürlich, dass sie einen Keil zwischen uns treiben wollte. Aber mit vielen gemeinsamen Gesprächen und Unternehmungen, meisterten wir die Situation. Nach einem Jahr hatten wir uns fast zu einer echten Patchworkfamilie zusammengerauft. Gerade rechtzeitig, denn ich war wieder schwanger.

Alle lieben das Nesthäkchen

Unser kleiner Leon ist heute zwei – und die Mädels vergöttern ihn. Nächstes Jahr wollen Dirk und ich heiraten. Denn erst dann bekommen wir beide rechtlich das „kleine Sorgerecht“ für unsere Stiefkinder. Das heißt, dass beispielsweise auch ich im Ernstfall über eine Operation bei Lara entscheiden könnte, wenn Dirk und seine Ex-Frau nicht erreichbar sind. Eine weitere Überlegung ist auch, die Kinder des anderen zu adoptieren. Denn sonst sind Stiefkinder etwa im Bezug aufs Erbrecht benachteiligt. Doch das sind Entscheidungen, die noch Zeit haben. 

Heute würde ich sagen, dass wir das Projekt Patchworkfamilie gut meistern. Lilli, Daniela und Lara verstehen sich mittlerweile wirklich gut. Leon ist das von allen geliebte Nesthäkchen. Und eines weiß Lilli ganz sicher: Egal, was noch kommt, sie wird für mich immer an allererster Stelle stehen.

Wo Kinder aus Patchworkfamilien Vorteile haben

1 Sie sind erfolgreicher in ihrem Berufsleben
Studien zeigen: Kinder aus Patchworkfamilien haben Vorteile im Job. Denn sie haben früher als andere gelernt, taktvoll und diplomatisch zu sein.

2 Sie haben weniger Angst vor Veränderungen
Wer als schon Kind erlebt, dass es immer wieder Veränderungen gibt, betrachtet neue Situationen eher als Herausforderung.

3 Sie verfügen über eine ausgereifte Sozialkompetenz
Durch den engen Kontakt mit zusätzlichen Personen in der Familie, sind sie darin geübt, sich auf verschiedene Charaktere und Persönlichkeiten einzustellen.

4 Sie können besser mit Konflikten umgehen
Da sie schon lange mit deutlich mehr Konfrontationen umgehen mussten, wissen sie, wie man Konflikte friedlich löst und gemeinsam Lösungen erarbeitet.

5 Sie sind stärker in der Kommunikation
Kindern aus Patchworkfamilien fällt es leichter, ihre Wünsche und Bedürfnisse mitzuteilen. Denn um sich in der neuen Konstellation zu behaupten, mussten sie das lernen.