Die unerträgliche Veränderung von Lust und Liebe

Ist es normal, dass sich Lust verändert oder gar verschwindet?

Lust zu haben ist etwas Tolles! Wir begehren etwas, wir wollen etwas, wir sind heiß darauf. Und wir wollen sehr gern, dass unser Partner oder unsere Partnerin genauso viel Lust darauf hat wie wir. „Hast Du Lust zu spielen, etwas zu kochen oder mit mir tanzen zu gehen?“ „Ja! Ja!“ Sie sehen schon, bei Lust geht es gar nicht immer nur um etwas Sexuelles. Wir können auf noch sehr viel mehr Lust haben. Und wir können auf sehr viel auch gar keine Lust haben. Wenn wir zum Beispiel nicht so gut drauf sind, wenn uns der Berufsalltag voll im Griff hat, wenn die Kinder an uns zerren. Dann bleibt oft wenig Lust für einen ausgedehnten kulinarischen Abend, für ausgelassenes Tanzen oder andere gesellige Veranstaltungen. Dann sind wir froh, wenn wir das Wichtigste schaffen. Und das wundert uns auch gar nicht, schließlich haben wir mit den anstrengenden Lebensumständen ja eine prima Erklärung dafür.

Sex soll bitte immer gehen

Trotzdem erheben wir den Anspruch an uns selbst und unsere Partner, volle Lust auf Sex zu haben. Und zwar immer. Zu jeder Tageszeit. Zu jeder Lebenszeit. Einmal angucken, eine Berührung, ein Wort und schon wollen/sollen wir in Flammen stehen. Passiert das nicht, dauert es nicht lange und wir stellen uns und die Beziehung in Frage.

Dabei wissen wir im Grunde unseres Herzens ganz genau, dass sich die Welt um uns herum ständig verändert: Die Jahreszeiten kommen und gehen, das Klima wandelt sich, wir schmunzeln über neue Trends, Gesichter sind haarlos und dann wieder bärtig, wir steigen beruflich auf oder ab, Beziehungen zerbrechen, neue Liebe stellt sich ein.

Lust ist eingebunden in die Art unserer Beziehung

Stellen wir uns vor, wir haben endlich unseren Traumjob gefunden. Zuerst ist alles so aufregend. Vor dem ersten Tag haben wir Herzflattern, wir lernen neue Menschen kennen, müssen uns auf sie einstellen und mit ihnen zurechtkommen. Neue Aufgaben warten auf uns. In der ersten Zeit konzentrieren wir uns voll auf den neuen Job, sind abends voller neuer Eindrücke und stellen erst einmal alles andere hintenan. Wir strengen uns an und wollen allen zeigen, wie toll wir sind.

Irgendwann wird es leichter und wir haben wieder Zeit und Muße für all die anderen schönen Dinge im Leben. Der Job steht nicht mehr im Mittelpunkt unseres Lebens. Das Besondere nehmen wir gar nicht mehr richtig wahr, da es sich fast unbemerkt mit unserem Leben verflochten Gewohnheit und Ruhe schleichen sich ein. Und dennoch ist unser Leben ein Stück lebenswerter.

Ganz ähnlich ist es in unserem Liebesleben. Zuerst steht die neue Liebe ganz im Mittelpunkt des Geschehens. Unsere Gedanken kreisen unermüdlich um unsere Liebste oder unseren Liebsten. Wir könnten immerzu beieinander sein, ineinander sein. Alles ist aufregend, jede Berührung lässt uns erzittern. Wir lernen uns und unsere Körper langsam besser kennen. Dabei wartet so manche Überraschung auf uns.

Aus dem Nichtwissen, was noch alles in dem oder der anderen steckt, entspringt ein großer Teil der erotischen Spannung. Je besser wir uns kennenlernen, desto sicherer fühlen wir uns. Wir wissen, was dem oder der anderen gefällt. Aus den großen Experimenten werden kleinere Rituale, aus dem großen Begehren wird eine neue Form der Intimität. Und so schleichen sich auch hier ganz langsam und fast unbemerkt Gewohnheit und Routine ein. Und auch damit ist unser Leben ein Stück liebenswerter geworden.

Lust ist keine vom Rest unseres Lebens unabhängige Kraft

Aber egal, welcher Typ wir sind, fast alle haben wir die Vorstellung, dass unsere Lust auch später bitte immer gleich bleiben soll. Vor allem in einer Beziehung. Vielleicht darf sie mehr werden. Aber auf keinen Fall weniger oder womöglich sogar ausbleiben. Und das ungeachtet der Lebenssituation, in der wir uns befinden, unabhängig vom Zustand unserer Beziehung oder unseres Alters.

Dieser Anspruch steckt so tief in uns drin, dass er uns oftmals gar nicht bewusst ist. Es scheint, als sei unsere Sexualität losgelöst von unserer Persönlichkeit, unserem Körper oder unserem Leben. Und wenn sich unsere Lust dann verändert oder tatsächlich an Dranghaftigkeit verliert, dann sind wir empört, fassungslos, fühlen uns vom Leben betrogen. Aber auch hier gehören Veränderungen einfach zum Leben dazu. Und wir können schauen, in welchem Zusammenhang sie stehen.

Wir haben ja auch nicht immer Lust aufs Essen

Sexuelle Lust lässt sich gut mit unserem Appetit vergleichen. Und auch der ist ja wahrlich nicht immer gleich:

•    Für manche ist Essen ein Hochgenuss und Kochen ein Hobby. Für andere nur Nahrungsaufnahme.
•    Wenn das Essen nicht schmeckt, vergeht uns auch leicht der Appetit.
•    Manche haben mehr Appetit als andere.
•    Wenn wir Diät machen wollen, können wir an nichts anderes denken. Zumindest ist das bei mir so.
•    Manchmal stopfen wir etwas in uns hinein, um ein ganz anderes Bedürfnis nicht zu spüren.
•    Und manche Menschen verweigern ihrem Körper jede Nahrungsaufnahme.

Genauso können wir auch unsere Lust und unsere Sexualität betrachten. Wir sind alle unterschiedlich in der Art unserer Bedürfnisse. Und auch diese unterliegen Schwankungen:

•    Die einen haben einfach mehr Lust und andere weniger.
•    Die einen brauchen ganz viel Nähe und die anderen nur wenig.
•    Es gibt Momente, in denen wir mit Sex etwas anderes kompensieren, zum Beispiel ein geringes Selbstbewusstsein oder Ärger auf der Arbeit.
•    Mit Sex können wir eine innere Leere überspielen.
•    Und wenn der Sex langweilig ist, vergeht uns auch die Lust.

Lust ist kein Recht sondern ein Geschenk

Die Veränderung von unbändiger Lust zur ruhigeren Intimität wird schnell negativ besetzt. Nicht zuletzt, weil die Medien uns vorgaukeln, lebens- und beziehungslange Lust auf einem hohen Level seien die große Normalität. Und wer sie nicht hat, arbeitet nur nicht genug an der Lust und an der Beziehung, hält sich nicht fit genug, ernährt sich zu ungesund oder bewegt sich zu wenig. Es scheint fast, als würden ein paar Handgriffe ausreichen, um auch nach zehn, zwanzig oder fünfzig gemeinsamen Jahren oder im Alter von sechzig, siebzig oder achtzig Jahren noch voller Lust und Lebendigkeit dreimal am Tag in die Kiste zu springen.

Unsere Lust existiert nun einmal nicht losgelöst vom Rest unseres Lebens. Sie ist eingebunden in

•    unsere Gefühle
•    unsere Wünsche
•    unser Wohlbefinden
•    unsere Erwartungen
•    und unsere Vorstellungen.

Sie wird beeinflusst von unseren Enttäuschungen und Frustrationen. Und sie ist zudem auch noch eingebettet in unsere körperlichen Veränderungen. Das Begehren ist ein zartes Pflänzchen, das nicht automatisch aufblüht, wenn die Schlafzimmertür geschlossen wird. Wir haben keinen gesetzlich verankerten Anspruch auf Lust. Wir können sie nur pflegen mit unserer täglichen Aufmerksamkeit, unserer Wertschätzung und unserer Liebe. Und wir können miterleben, wie sie sich verändert.

Der Gewinn von Intimität ist eine große Chance

Wenn wir uns immer nur nach der heißen Anfangsphase einer Beziehung oder der sexuellen Rastlosigkeit unserer Jugend sehnen, nehmen wir gar nicht wahr, welche Glücksgefühle uns auch die veränderten Zeiten schenken können. Wir sind stattdessen unzufrieden, stampfen mit dem Fuß auf und rufen: „Aber früher war doch alles anders!“ Ja, genau, es war anders! Natürlich war es anders! Wie sollte es immer gleich bleiben, wenn sich doch alles andere um uns herum und in uns drinnen verändert hat? Das muss aber nicht gleichbedeutend sein mit besser oder schlechter. Es war einfach nur anders. Vielleicht haben wir es häufiger getrieben.

Dafür erleben wir heute vielleicht eine ganz andere Intensität, sind gelassener und können aus der Lust eine tiefe innere Erfüllung ziehen. Und dann müssen wir nicht dreimal am Tag zur Versicherung unserer Liebe miteinander schlafen sondern nur noch dann, wenn wir es wirklich wollen!

Anja Drews – Diplom-Sexualpädagogin für ORION